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Schweizer Führungskräfte im Gespräch
Gemeinsam müssen wir die Systemgrenzen durchbrechen

Marcel Napierala ist Mitgründer und seit über 20 Jahren CEO der Medbase AG, eines innovativen Schweizer Healthcare-Providers mit rund 3200 Mitarbeitenden und rund 150 Standorten, den sogenannten «Points of Care». Im Stettler CEO Talk erklärt er den Vorteil der integrierten Gesundheitsversorgung und warum grundsätzlich die Systemgrenzen durchbrochen werden müssen.

Marcel Napierala, die Medbase AG ist eine der grössten ambulanten medizinischen Dienstleisterinnen der Schweiz. Was ist das Hauptanliegen von Medbase?

Medbase hat den Anspruch, integrierte medizinische Versorgung zu erbringen und dies möglichst innovativ und agil. Alle unsere lancierten Initiativen und Bestrebungen drehen sich um unsere Patientinnen und Patienten. Sie stehen bei uns im Mittelpunkt. Wir wollen eine agile, junge Organisation bleiben, aktiv das Gesundheitswesen mitgestalten und die Grundversorgung im ambulanten Sektor stärken.

Sie haben im Jahr 2001 die Medbase AG als damalige Physiotherapiecity in Winterthur mitgegründet, waren dann die ersten 4 Jahre als Physiotherapeut und Geschäftsführer tätig und haben parallel dazu Betriebswirtschaft studiert. Was waren seit der Gründung die grössten Herausforderungen?

Die grösste Herausforderung war und wird es immer sein, dass wir mit einem hohen Qualitätsanspruch unseren Kernaufgaben nachgehen und uns darauf konzentrieren, nicht nur gut zu bleiben, sondern stets besser zu werden.

Und was waren bisher die grössten Highlights in der Entwicklungsgeschichte der Medbase AG?

Highlights erleben wir tagtäglich. Im Mittelpunkt stehen immer die Patientinnen und Patienten. Wenn wir einer Person auf verschiedenen Wegen interprofessionell und multidisziplinär helfen können, ihre Gesundheit und damit ihre Lebensqualität zu verbessern, ist das ein Highlight.

Können Sie uns ein Beispiel geben?

Wir konnten bei der Betreuung von chronisch erkrankten Menschen mit einem interdisziplinären Team eine hohe Qualität und gleichzeitig eine Kostenoptimierung erzielen. Darüber freue ich mich sehr.

Medbase konnte im Jahr 2011 die Migros als strategische Partnerin gewinnen. Inwiefern hat sich Medbase seit diesem Zeitpunkt verändert?

Wir haben uns nicht gross verändert, d.h. wir konnten kulturell so bleiben wie wir sind. Die Migros hat uns viel Gestaltungsfreiraum zugestanden. Gleichzeitig konnten wir und dürfen weiterhin sehr viel lernen in Bezug auf die Organisationsentwicklung. Mit der Migros haben wir ein traditionsreiches Unternehmen als Aktionärin an Bord, das nicht gewinnmaximierend denkt. Das ist ein sehr wichtiger Punkt und das ist in vielen Diskussionen äusserst hilfreich.

Für Medbase ist Innovation im Gesundheitswesen wichtig – welche Vision haben Sie in Bezug auf die zukünftige Gesundheitsversorgung?

Innovation bedeutet nicht Revolution, sondern dass wir beginnen, die fragmentierten Angebote zusammen zu fügen und das Ziel der integrierten Versorgung übergreifend umzusetzen. Wir müssen die Systemgrenzen durchbrechen, d.h. die Prozesse nicht nur im ambulanten Bereich anschauen, sondern uns auch überlegen, was mit den Menschen, die wir betreuen, über unsere Systemgrenze hinaus passiert. Dazu braucht es digitale Schnittstellen, gut ausgebildete Mitarbeitende und stetige Weiterbildung.

Wie sieht diese «integrierte Versorgung» bei Medbase konkret im Alltag aus?

Zu Beginn agieren wir als Grundversorgerin, d.h. wir sind die erste Anlaufstelle. Ein Patient kommt bei uns in die Sprechstunde, zur Hausärztin, zum Internisten und wird vollumfänglich betreut. Je nach Fall werden anschliessend gezielt die Spezialisten und die Para- und Komplementärmediziner beigezogen. Im Rahmen von «managed care» können die Patientinnen und Patienten möglichst an einem Ort im ambulanten Setting verschiedene Leistungen in Anspruch nehmen. Darüber hinaus arbeiten wir mit externen Fachärzten, Partnern und Spitälern zusammen. Nicht alle unsere Zentren sind gleich aufgestellt. Die einen sind reine Ärztezentren, andere umfassen interdisziplinäre Teams, die ihre Patienten von der Prävention über die Akutmedizin bis zur Rehabilitation betreuen.

Ländliche Regionen in der Schweiz haben es immer schwieriger die medizinische Versorgung sicherzustellen. Was tut Medbase in dieser Hinsicht?

Die Rekrutierung von medizinischen Fachkräften gestaltet sich in ländlichen Regionen in der Tat schwieriger als in städtischen Gebieten. Ich selbst komme aus Kandersteg im Berner Oberland und kenne die Situation in der Region. Deshalb liegt mir unser Projekt in Zweisimmen besonders am Herzen. Damit wir die medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten sicherstellen können, müssen wir uns mit aller Kraft dafür einsetzen, die Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte attraktiver zu gestalten. Das schaffen wir nur gemeinsam mit Partnerschaften, den Gemeinden, den Spitälern … alle müssen mithelfen.

Das Gesundheitswesen wird durch viele Akteure beeinflusst. Wie sind Sie innerhalb der Schweiz vernetzt und was sind Ihre Ziele, um gemeinsam mit Ihren Netzwerk-Partnern die Gesundheitsversorgung zu verbessern?

Wir sind sehr stark vernetzt insbesondere auch mit den Krankenversicherern und Spitälern und wir sind dabei, die in vielen Fällen eher informelle Zusammenarbeit auf eine formelle Ebene zu bringen. Wir müssen die Schnittstellen optimieren und zusammen Lösungen finden, damit die Prozesse speditiver ablaufen und ein ideales Kosten-Nutzen-Verhältnis sichergestellt werden kann. Damit wird den Interessen aller Beteiligten gedient – den unterschiedlichen professionellen Healthcare-Dienstleistern und den Patientinnen und Patienten.

Schnittstellen zu optimieren ist keine leichte Aufgabe, wie geht Medbase das an?

Im Gegensatz zum Top-Down-Approach versuchen wir bestehende Prozesse und den Patientenpfad gemeinsam mit einigen Spitälern zu analysieren, mit dem Ziel, möglichst viele Redundanzen auszuschalten, den Zugang zur Versorgung zu beschleunigen und die Kommunikation zwischen den Therapeuten zu optimieren. So können wir am Ende die Prozesse replizieren. Das ist zwar teilweise harte Knochen- und Detailarbeit, doch wir sind überzeugt, dass sich der Aufwand lohnen wird.

Wo sehen Sie bei den Werten des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler Anknüpfungspunkte für Medbase?

Mich hat der Leitsatz der Migros fasziniert: «Die Migros ist das Schweizer Unternehmen, das sich mit Leidenschaft für die Lebensqualität seiner Kundinnen und Kunden einsetzt». Im Prinzip war das wohl auch die Legitimation dafür, dass die Migros überhaupt in das Healthcare-Geschäft einsteigen konnte. Die Migros hat viele Werte, die auch im Leitbild von Medbase verankert sind: Nachhaltigkeit, Lebensqualität und Wohlbefinden bei den Kunden steigern, gute Qualität liefern und noch viele Ähnlichkeiten mehr.

Was ist besonders an Ihrem Führungsstil?

Sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, erachte ich als elementar. Es ist immens wichtig, den Fachkräften sehr gut zuzuhören und erst danach zu interpretieren und die eigenen Schlüsse zu ziehen. Natürlich muss man auch ehrlich involviert, mit Herzblut dabei sein und sich wirklich für Menschen interessieren. Ich glaube, wenn man das beherzigt, führt man auch authentisch und so ist auch mein Führungsansatz.

Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie Medbase in 5 Jahren?

Medbase wird die Anzahl der «Points of Care» erhöhen und wir werden unser Netzwerk noch um einiges vergrössert haben. Wir werden durchgängigere Patientenprozesse implementiert haben, damit es einfacher wird und die Patienten zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort die richtige Leistung erhalten. Wir werden im Bereich der Digitalisierung einen grossen Fortschritt gemacht haben und … wir werden noch die gleiche Kultur haben.

Wie wird Medbase in der Zukunft ärztliche Ressourcen gewinnen?

Bereits heute haben wir über 70 Prozent weibliche Mitarbeitende. Zukünftig muss es uns noch besser gelingen, dass wir die akademisch ausgebildeten Frauen und vermehrt auch Männer in Arbeitsmodellen beschäftigen können, die für sie attraktiv sind. Und wir müssen den Nachwuchs für den ambulanten Sektor gewinnen können, indem wir den jungen Menschen aufzeigen, inwiefern interdisziplinäres Arbeiten attraktiv ist, der Austausch mit Fachkräften aus anderen Disziplinen bereichernd sein kann und dass es agile Organisationen wie Medbase gibt, bei denen die Strukturen nicht so starr sind.

Welche Menschen inspirieren Sie?

Mich inspirieren Menschen, die mit Herzblut einer Tätigkeit nachgehen und sich involvieren. Das sind oft Unternehmertypen aber auch bei Menschen mit einer Beeinträchtigung habe ich schon sehr oft gesehen, wie sie mit der geballten Kraft ihrer Persönlichkeit ihrer Arbeit nachgehen … unglaublich faszinierend …

Neben der Arbeit, was begeistert Sie?

Ich bewege gern und ich bewege auch mich gern, still sein ist nicht so meins. Alles was mit Bewegung zu tun hat, sei es körperlich oder geistig, begeistert mich.

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